Telemedizin erst am Anfang

Die Corona-Pandemie hat der Telemedizin hierzulande viel Aufwind beschert. In anderen Ländern jedoch sind Videosprechstunden und andere Dienstleistungen „aus der Ferne“ längst Bestandteil der Regelversorgung.

Die Beratung und Behandlung von Patienten über digitale Kanäle erfuhr als Folge von COVID-19 in Deutschland einen starken Aufschwung, wie die aktuelle "Health Interactions"-Umfrage von PricewaterhouseCoopers (PwC) zeigt. Führten vor Beginn der Corona-Pandemie nur acht Prozent der befragten Ärzte in Praxen und Kliniken virtuelle Patiententermine durch, so stieg dieser Anteil seit Ausbruch des Virus auf 25 Prozent an.


Insbesondere die Beratung von Patienten per Videokonferenz erlebte ein signifikantes Wachstum von sechs vor COVID-19 auf nunmehr 36 Prozent. Insgesamt gehen die Ärzte davon aus, dass sich der Anteil der Patientenberatung über alle digitale Kanäle hinweg im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie in den kommenden 12 bis 18 Monaten verdoppeln wird. Dagegen haben Patienten-Monitoring-Apps mit aktuell lediglich sieben Prozent bislang kaum Relevanz in der Patientenkommunikation.

Auf der anderen Seite bekunden 62 Prozent der Befragten starkes Interesse daran, derartige Apps in der Diagnose und Behandlung ihrer Patienten einzusetzen. Auch das Thema künstliche Intelligenz (KI) zur Optimierung der Patientenbehandlung stößt sowohl bei niedergelassenen als auch bei Klinikärzten auf großes Interesse (67 Prozent). Hürden bei der Ausweitung der virtuellen Interaktion mit Patienten sehen die Mediziner vor allem im fehlenden menschlichen Kontakt bei der Diagnosestellung (84 Prozent) und den mangelnden Fähigkeiten der Patienten im Umgang mit den digitalen Tools (82 Prozent).

Mehr „Tele“ im Ausland

Wie funktioniert Telemedizin aber im Ausland? Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat die Bonner Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung empirica den Einsatz und die Nutzung von Telemedizin in 17 Ländern analysiert. Es zeigt sich, dass man sich in Deutschland noch nicht wirklich einig ist, wie Telemedizin zu einer verbesserten Regelversorgung beitragen könnte.


In Dänemark, Estland, den Niederlanden, Portugal und Schweden dagegen ist die Behandlung und Diagnose aus der Ferne fester Bestandteil der gesundheitspolitischen Planung und Regelversorgungskonzepte. Im Gegensatz zu digitalen Sprechstunden zwischen Arzt und Patient sind Telekonsile - also eine digitale Arzt-zu-Arzt-Beratung, um sich beispielsweise über Befunde eines Patienten auszutauschen - stärker verbreitet als die Videosprechstunde. In sechs Ländern kann diese Leistung bereits abgerechnet werden, in Italien und Portugal gibt es Pilotprojekte.


Die Fernüberwachung von Patienten, etwa von Vitalparametern über Wearables bei Senioren oder chronisch Kranken zu Hause, ist dagegen bisher nur in den Niederlanden Teil der allgemeinen Gesundheitsversorgung. In Deutschland, Dänemark, Italien, Kanada und Spanien bleibt es bislang bei Projekten und „geringfügigen“ Implementierungen.

Knowledge Base

Bertelsmann Stiftung: Einsatz und Nutzung von Telemedizin – Länderüberblick

https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/VV_SHS_Telemedizin.pdf

PricewaterhouseCoopers (PwC): Health Interactions

https://www.strategyand.pwc.com/de/aerzteumfrage-patienteninteraktionen.html