Digitaler Push durch Corona

Medizintechnik und Gesundheitswesen leiden wie fast alle unter den Auswirkungen der Corona-Krise. Andererseits kommt in diesen schweren Zeiten die längst überfällige Digitalisierung der Branche entscheidend voran.

Die Pandemie lässt den Bedarf an medizintechnischen Produkten in ungeahnte Höhen schnellen. Aber das macht längst nicht alle glücklich. Die einen haben zu kämpfen, zeitnah der zum Teil überwältigenden Nachfrage Herr zu werden. So meldete etwa Infineon im April dieses Jahres den Auftrag von über 38 Millionen MOSFETs für Beatmungsgeräte. Ähnlich geht es Unternehmen wie etwa Analog Devices oder Maxim Integrated. Auch sie müssen kurzfristig die Produktion von Komponenten für die Medizintechnik hochfahren.

Zu den klaren „Krisengewinnern“ gehören dagegen Drucksensoren, Luftstromsensoren, Temperatursensoren oder Radarsensoren zur Personenkontrolle in Räumen und zur berührungslosen Gestensteuerung. Abseits davon jedoch präsentiert sich für einen Teil der MedTech-Branche das Gesamtbild weit weniger positiv. Immerhin erwarten einer Spectaris-Umfrage zufolge knapp sechzig Prozent der Unternehmen ein zweistelliges Minus gegenüber dem Vorjahr.

Der unerwartete Digitalisierungsschub

Die Aufregung um die Verfügbarkeit medizintechnischer Produkte in der aktuellen Covid-19-Pandemie zeigt jedoch, wie wichtig die MedTech-Branche weltweit ist. Die Politik wird also alles tun, um sie zu stärken und zukunftsfähig zu machen. So sollen etwa hierzulande die Mittel des vom Koalitionsausschuss beschlossenen „Zukunftsprogramm Krankenhäuser“ in Höhe von 3,9 Mrd Euro - geht es nach dem Bundesverband Medizintechnologie – die nächsten Jahre vorrangig in die Robotik für die medizinischen Versorgung und in Digitalisierungstechnologien für die Patientenbehandlung fließen.

Schon jetzt zeigt sich aber, dass die Coronakrise der längst überfälligen Digitalisierung in der Medizin mit den spannenden, neuen Möglichkeiten in der Prävention, Diagnostik und Behandlung endlich zum Durchbruch verhilft. Zum Beispiel boten noch im Januar 2020 in Deutschland etwa 1400 Ärzte Videosprechstunden an, mittlerweile sind es zehnmal so viele.

Trotzdem hält sich weiterhin eine starke Skepsis der digitalen Medizin gegenüber. Und das nicht nur aus den bekannten Datenschutzgründen. So sahen etwa im Rahmen der Continental-Studie 2019 zwar viele Befragte die Chancen von Video-Sprechstunde, KI-Diagnose oder Pflege-Roboter, deutlich häufiger aber die Risiken.

Teaser image of YouTube video
Im Leipziger ICCAS Institut zeigt ein weltweit einzigartiger, voll vernetzter Operationssaal was moderne OP-Technologie leistet: Minimal invasive Medizintechnik, Roboter, KI und 3D Imaging in Echtzeit.

Im Leipziger ICCAS Institut zeigt ein weltweit einzigartiger, voll vernetzter Operationssaal was moderne OP-Technologie leistet: Minimal invasive Medizintechnik, Roboter, KI und 3D Imaging in Echtzeit.

Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass nur ein effizienteres, digitales Gesundheitssystem zukünftig die „Kundschaft“ bedarfsgerecht versorgen kann. Hierzulande setzt man dabei nicht ohne Grund auf die hohe Innovationskraft der Medizintechnik. Immerhin erzielt sie etwa ein Drittel ihres Umsatzes durch Produkte, die weniger als drei Jahre alt sind. Mit FuE-Aufwendungen von etwa neun Prozent des Umsatzes (weltweit sieben Prozent) liegt sie zudem deutlich über dem Industriedurchschnitt. Und keine andere Branche meldet in Europa mehr Patente an. Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland mit 1.340 Anmeldungen auf dem zweiten Platz hinter den USA (4.872 Anmeldungen).

Dabei behaupten sich besonders viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) auf dem globalen Markt. Damit das so bleibt, müssen ihre Medizinprodukte „software-lastiger“ und netzwerkfähiger werden. Außerdem warten OP- und Pflege-Roboter, Prothesen aus dem 3D-Drucker oder mobile Minilabore (Lab-on-Chip) auf ihren Praxiseinsatz. Und KI-Algorithmen sollen in Zukunft die unzähligen Daten von Sensoren, medizinischen Wearables und anderen Quellen für diagnostische und therapeutische Zwecke nutzbar machen.

Allerdings stellen solche miniaturisierten, multifunktionalen und smarten Produkte die Hersteller vor enorme produktionstechnische Herausforderungen. Dazu kommen hohe regulatorische Hürden und ein starker Preisdruck. Langfristig erfolgreich am Markt behauptet sich deshalb nur, wer das „neue“ Equipment wirtschaftlich, sicher und in hoher Qualität fertigen kann.